Mit einem europaweiten Ziel gegen Covid-19

Ein Ziel von sieben neuen Coronainfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche oder weniger, und zwar in allen Ländern Europas – das geben mehr als 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einem Positionspapier aus, das im Fachjournal The Lancet erschienen ist. Darin fassen die Forschenden die Argumente zusammen, die für niedrige Fallzahlen sprechen, und fordern strikte Maßnahmen, um diese zu erreichen.

Covid-19 ist ein europäisches Problem. Die Zahl der Covid-19-Fälle ist überall auf dem Kontinent in den vergangenen Monaten stark gestiegen, worauf die Länder mit wiederholten Lockdowns reagierten. „Die aktuelle Situation ist keine, mit der man über Monate weitermachen kann“, sagt Isabella Eckerle, die an der Genfer Universitätsklinik die Abteilung Infektionskrankheiten leitet. „Es leiden im Moment alle!“ Damit meint die Virologin die Menschen, die schwer an Covid-19 erkranken, das Krankenhauspersonal, Familien, aber auch Wirtschaft und Kultur, und zwar in allen Ländern Europas. In Deutschland etwa liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei etwa 200 pro 100.000 Einwohner, in Österreich ist sie etwas höher. In der Schweiz und in den Niederlanden ist die Situation mit etwa 360 Fällen pro 100.000 Einwohner und Woche noch ernster, und mit einer Inzidenz von mehr als 400 Infektionen pro 100.000 Einwohnern ist die Lage in Schweden derzeit am schlimmsten. Das gesetzte Ziel ist ehrgeizig, aber spätestens mit dem Frühjahr erreichbar. Aber es lohne sich klar.

„Das Virus respektiert keine Grenzen. So gefährdet eine verstärkte Ausbreitung in einer Region die Stabilität in den angrenzenden Regionen. Es ist klar: Wir brauchen ein gemeinsames europäisches Engagement, um die Fallzahlen zu senken”, sagt Viola Priesemann, Leiterin einer Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. Deshalb hat sie ein Positionspapier initiiert, in dem die Unterzeichner für ganz Europa ein gemeinsames Ziel von weniger als zehn Covid-19-Fällen pro eine Million Einwohner und Tag fordern. Das entspricht einer Sieben-Tage-Inzidenz sieben Fällen pro 100.000 Einwohnern. Nur so lasse sich die Ausbreitung des Virus nachhaltig eindämmen. „Wir brauchen konkrete Ziele und müssen die Ziele transparent kommunizieren“, sagt Barbara Prainsack, Politikwissenschaftlerin an der Universität Wien. „Unsere Studien zeigen: Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass klar kommuniziert wird, sind sie bereit, auch Maßnahmen zu tragen, die sie nicht gut finden.“

Hohe Fallzahlen bedeuten nicht mehr Freiheiten

Zu den deutschen Unterzeichnern des Positionspapiers zählen Max-Planck-Präsident Martin Stratmann, der RKI-Präsident Lothar Wieler, die Virologen Sandra Ciesek und Christian Drosten, der Ifo-Präsident Clemens Füst, sowie Gerald Haug, Präsident der Deutschen Nationalakademie und die Präsidenten mehrerer Forschungsorganisationen. „Ich bin überwältigt von der breiten Unterstützung auch auf europäischer Ebene und quer durch die Disziplinen: von der Virologie über die Epidemiologie bis zur Soziologie und Ökonomie”, sagt Priesemann.

Die enormen Auswirkungen von Covid-19 einzudämmen, ist nicht nur aus medizinischer Sicht geboten, sondern auch aus gesellschaftlicher und ökonomischer. Und beherrschen lassen sich die Folgen der Pandemie nur, wenn die Fallzahlen deutlich sinken. Darin sind sich alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einig, die sich dem Aufruf angeschlossen haben. „Wir haben viel darüber diskutiert, aber wir haben keinen einzigen überzeugenden Grund für hohe Fallzahlen gefunden”, so Priesemann. „Wir wollen mit einem Missverständnis aufräumen: Hohe Fallzahlen bedeuten nicht mehr Freiheiten – das Gegenteil ist der Fall.“

Die Fallzahlen sollen europaweit gleichzeitig und schnell sinken

Die wichtigsten Gründe für niedrige Fallzahlen zählen die Autorinnen und Autoren in ihrem Positionspapier auf: Bei niedrigen Fallzahlen müssen weniger Menschen aufgrund eines schweren Verlaufs sterben oder an möglichen Langzeitfolgen durch Covid-19 leiden. Zudem müssen keine medizinischen Ressourcen in Anspruch genommen werden, die eigentlich für die Behandlung anderer Krankheiten gedacht sind. Bei niedrigen Fallzahlen kann die Ausbreitung des Virus auch effektiver kontrolliert werden: Die Kapazitäten für Tests und Rückverfolgung sind begrenzt; die Virusverbreitung lässt sich damit also nur bei niedrigen Fallzahlen schnell und effizient eindämmen. Bei geringen Infektionszahlen reichen moderate Regeln wie Abstandhalten, Hyiene, Alltagsmaßnahmen und Lüften (AHA+L) aus; Schulen und Betriebe können geöffnet bleiben. Beschränkungen vorzeitig zu lockern und damit höhere Fallzahlen in Kauf zu nehmen, halten die Unterzeichnenden hingegen für eine kurzsichtige Strategie, die zu weiteren Wellen und damit zu höheren Kosten für die Gesellschaft insgesamt führen wird. Niedrige Fallzahlen sichern zudem Arbeitsplätze und Unternehmen, da die wirtschaftlichen Folgen unmittelbar davon abhängen, wie sich das Virus in der Bevölkerung ausbreitet. Länder wie China und Australien haben gezeigt, dass sich Volkswirtschaften rasch erholen, sobald die Verbreitung des Virus stark reduziert oder gestoppt ist.

Nicht zuletzt um einen Ping-Pong-Effekt zu vermeiden, bei dem Covid-Infektionen eingeschleppt und wiedereingeschleppt werden, sollen alle europäischen Ländern die Fallzahlen gleichzeitig und so schnell wie möglich senken. Dafür sind durchgreifende Interventionen wie Lockdowns nötig. Dabei solle man nicht über einzelne Maßnahmen wie etwa Schulschließungen oder Einschränkungen im Arbeitsumfeld, im privaten Bereich oder im öffentlichen Verkehr diskutieren, sondern alle Maßnahmen umsetzen, sagt Viola Priesemann. Denn je effizienter die Einschnitte sind, desto eher können sie wieder aufgehoben werden. Aber die Wissenschaftlerin warnt auch: „Stoppt nicht zu früh, sonst verspielt Ihr den Erfolg.“

(Quelle: Max-Planck-Gesellschaft)