Stimmen: „Corona“ und „transplantiert“?

„Corona“ und „transplantiert“? Das Erste, das mir als Lehrer auffällt, wenn ich die Überschrift sehe, ist die Verknüpfung eines Nomens mit einem Adjektiv. Stimmt da überhaupt die Grammatik?

Transplantierte sind zuallererst einfach Menschen. Sie denken, fühlen, erleben, erfahren das Leben wie alle Menschen auch. Vielleicht mit einem kleinen Unterschied: Sie bewerten vieles ganz anders. Sie schauen durch die Brille der Dankbarkeit. Zuvorderst empfinden sie größte Dankbarkeit gegenüber den Schenkenden und ihren Angehörigen. Und sie empfinden große Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens.

Dankbar für das neue Leben mit all „seinen Zutaten“, sogar mit den Zutaten, die niemandem wirklich schmecken wollen. Corona ist eine solche Zutat! Und dafür auch noch dankbar sein? Ist das zynisch? Niemand, auch kein/e Transplantierte/r, kann sich über diese Zutat freuen. Niemand wird dankbar sein angesichts der Sterbenden, der Trauernden, der Einsamen, der Hoffnungslosen, all derer, die machtlos ausgeliefert sind. Niemand wünscht sich das. Niemand darf sich wünschen, dass Menschen leiden. Und dennoch gehört das Leid zu unser aller Leben. Auch das Leid ist „eine Zutat“.

Corona verändert unser Leben. Unser Leben hat die selbstverständlich geglaubte Sicherheit verloren. Das betrifft ganz viele Bereiche, vor allem aber die Gesundheit. Fehlende Sicherheit macht Angst.

Als Betroffener habe ich vor rund 30 Jahren erlebt, wie ich in meinem „sicheren Leben“ von einem auf den anderen Tag den Boden unter den Füßen verlor. Ich wurde von der Diagnose einer terminalen Nierenerkrankung überrascht und aus dem Alltagstrott gerissen. Ich spüre noch genau, wie sich damals Niedergeschlagenheit und Trauer breit in mir machten; wie ich mich Stück für Stück vom „alten“ Leben verabschiedete, meine Trikots verschenkte, mein Rennrad verkaufte. Es war für mich eine schlimme Zeit. Ich habe gelitten, geweint, mich vergraben. Vielleicht klingt es komisch – in all meinem erlebten Leid fühlte ich mich dennoch geborgen. Meine Familie hat mich durch die Zeit getragen, Freunde waren da, ich hatte gute Ärzte.

Obwohl diese Zeit eine Zeit des Leides für mich war, bin ich dankbar dafür. Sie hat mein Leben reicher gemacht. Sie hat mich unterscheiden gelehrt. Sie hat mich Demut gelehrt und sie hat mich vor allem die Achtung vor dem Leben gelehrt. Ich hatte viel Glück, sehr viel Glück. Ein neues Organ wurde mir geschenkt, ich darf weiterleben.

Ich sehe zwischen „meiner Zeit“ und der „Corona-Zeit“ viele Parallelen. Ich empfinde Trauer und fühle zutiefst mit den Menschen, die betroffen sind, die unter Corona leiden. Ja, es ist wirklich schlimm. Und auf der anderen Seite sehe ich, wie viele Menschen für andere da sind, sehe ich, dass mehr Rücksicht, Mitmenschlichkeit in der Gesellschaft ist als ich angenommen habe, sehe ich, mit wie viel Kreativität und Engagement der Krise begegnet wird. Ich sehe wie viel Kräfte frei werden, wie viel Energien gebündelt werden, um wirklich Wichtiges voran zu bringen und wie weniger Wichtiges in den Hintergrund tritt. Ich sehe, dass da eine Kraft ist, die trägt.

Es wird eine Zeit nach Corona geben. Wenn ich als Optimist in die Zukunft schaue, sehe eine klitzekleine Chance dafür, dass wir uns von unserem „alten Leben“ verabschieden könnten. Vielleicht bietet uns das Virus – trotz des großen Leides, das es bringt – sogar die Chance auf ein „neues Leben“ in mehr Mitmenschlichkeit, mit größerer Achtung voreinander.

Franz-Josef Meiser, Lehrer i.R., seit 24 Jahren nierentransplantiert