Stimmen: „Wir müssen im Moment einfach Abstand voneinander halten“

Im Juni werde ich 65 Jahre alt. Die letzten fünf Jahre habe ich, dank der Transplantation einer linken Lungenhälfte, ohne Einschränkungen erleben dürfen. Dafür danke ich täglich dem Organspender und seinen Angehörigen, die sich zu dieser Spende entschieden haben.

Im Februar 2020 konnte ich meinen zweiten Geburtstag zum fünften Mal feiern.

Meine erste Routineuntersuchung im Transplantationszentrum in diesem Jahr war Anfang März. Da erlebte ich am Eingang schon, dass die Welt sich ändert. Die Desinfektionsbehälter waren leer. Auf Anfrage sagte man mir, die würden bei jeder Nachfüllung gleich wieder gestohlen. CORONA war im Anmarsch. Und ich hatte an Fasching noch zwei große Veranstaltungen mitgefeiert. Und dann hieß es plötzlich, dass ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen besonders gefährdet sind. Ich fühle mich ja seit meiner Transplantation kerngesund. Deshalb zählte ich mich gar nicht zu dieser gefährdeten Gruppe. Was tun?

Ich wohne und versorge mich allein. Als die Schulen geschlossen wurden, erhielt ich aus meinem Transplantationszentrum den Rat: Besser nicht mehr selbst einkaufen und wenn, dann nur mit Mundschutz und Handschuhen.

Seit der Ausgangssperre haben sich dann Nachbarn, Freunde und Familie angeboten alles zu erledigen. Ein tolles Gefühl. Allerdings gehe ich zu meinem Lieblingskonditor noch selbst einkaufen, das lasse ich mir nicht nehmen.

Dank eines Briefes von meiner behandelnden Ärztin höre ich nur noch einmal am Tag Nachrichten und lasse mich so nicht in Panik bringen.

Da ich auf dem Lande wohne, versuche ich öfters die Woche ein bis zwei Stunden spazieren zu gehen. Da begegnet man selten jemandem.

Ich habe wegen CORONA um mich keine Angst. Ich habe pro­blemlos die Transplantation überstanden und vertraue darauf, dass meine neue Lungenhälfte mir noch lange erhalten bleibt.

Ich wünsche allen kranken und älteren Menschen, dass sie sich nicht verrückt machen lassen durch die Medien. Wir müssen einfach im Moment Abstand voneinander halten, die empfohlenen Hygienevorschriften beachten, um diese Krise gut zu überstehen.

Agnes Müller, lungentransplantiert