Gewebespende in der COVID-19-Pandemie

Auch in Zeiten der COVID-19-Pandemie können die Spende und die Transplantation von Gewebe erfolgen. Mit einem angepassten Spenderscreening, weiteren Vorsichtsmaßnahmen und dem Engagement ihrer rund 80 Mitarbeiter*innen hält die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) die Versorgung von Patient*innen mit sicheren Gewebetransplantaten aufrecht. Denn auch jetzt müssen Patient*innen behandelt werden, die keine Alternativen zu Augenhornhaut-, Herzklappen,- Gefäßersatz haben.

Zur Sicherheit von Gewebezubereitungen nimmt das Paul-Ehrlich-Institut Stellung: Eine Übertragung respiratorischer Viren durch Implantation, Transplantation, Infusion oder Transfer von menschlichen Zellen oder Gewebe sei bisher nicht beschrieben; zum jetzigen Zeitpunkt wurden keine Fälle einer Übertragung von SARS-CoV-2 über Gewebezubereitungen berichtet (Stand 6. April 2020). Auch laut Global Alliance for Eye Banking Associations (GAEBA) gibt es keine Hinweise darauf, dass Coronaviren durch Bluttransfusionen oder Gewebe- bzw. Zelltransplantationen übertragen werden können (Stand: 25. März 2020).

Sorgfältiges Spenderscreening

Grundsätzlich wird bei allen potenziellen Gewebespender*innen mit Sorgfalt eine umfassende Krankengeschichte erhoben. Diese Anamnese wurde um die explizite Abfrage von Reisetätigkeiten und Aufenthalten in COVID-19-Risikogebieten (gemäß Vorgabe des Robert Koch-Instituts) und Kontakten mit COVID-19 Infektions- und Verdachtsfällen erweitert. Potenzielle Gewebespender*innen mit einer bestätigten SARS-CoV-2-Infektion, mit Kontakt zu Infizierten oder klinischen Hinweisen auf eine potentielle SARS-CoV-2-Infektion werden entsprechend den Empfehlungen des Paul-Ehrlich-Instituts ausgeschlossen.

Die Risikoeinschätzung von potenziellen Spender*innen wird dokumentiert und unterliegt dem Mehr-Augen-Prinzip: Werden Auffälligkeiten bei der Anamnese festgestellt, findet eine Bewertung durch mehrere Ärzt*innen und Koordinator*innen statt. Der Spendeprozess wird laufend an aktuelle Entwicklungen angepasst.

Absage von Gewebetransplantationen fordern die Spende heraus

Gewebetransplantationen werden zumeist als elektive Operationen eingestuft und als solche zurzeit mehrheitlich und kurzfristig abgesagt. Insbesondere die Augenhornhautspende stellt dies vor planerische und wirtschaftliche Herausforderungen. Die Augenhornhaut ist weltweit das am häufigsten transplantierte Gewebe. Allein in Deutschland werden jährlich zwischen 7.000 und 8.000 Augenhornhauttransplantationen zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Sehfähigkeit von Patient*innen durchgeführt.

Augenhornhauttransplantate haben jedoch eine begrenzte Lagerfähigkeit von 34 Tagen. Findet keine Transplantation statt, müssen Transplantate verworfen werden. Dies gilt es nicht zuletzt aus ethischen Gründen zu verhindern, befindet auch die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) in einer Pressemitteilung (April 2020). Die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation setzt derzeit alle Bemühungen daran, die Augenhornhautspende an die aktuell gesunkenen Transplantationskapazitäten anzupassen, gleichzeitig eine Notfallversorgung mit Transplantaten zu gewährleisten und auf die Wiederaufnahme von Transplantationsprogrammen vorbereitet zu sein.

Die Spende von kardiovaskulären und muskuloskelettalen Geweben wird weiterhin – wo möglich – durchgeführt. Diese Gewebe sind bis zu fünf Jahre lagerfähig.

Netzwerkstruktur der Gewebespende hilft bei strukturellen Herausforderungen

Im Netzwerk der DGFG engagieren sich mehr als 100 Spendekrankenhäuser und 13 Gewebebanken. Von 31 Standorten aus sind die Koordinator*innen der DGFG bundesweit für die Gewebespende im Einsatz. Können auf Grund des aktuellen Infektionsgeschehens und organisatorischen Konsequenzen in den Kliniken Spenden an einem Standort nicht realisiert werden, gleichen andere Standorte dieses Defizit aus. Fällt eine Gewebebank in den kommenden Wochen aus, werden Spenden zur Prozessierung und Lagerung an andere Gewebebanken umdisponiert.

An den Spendestandorten, in den DGFG Gewebebanken und in der Verwaltung am Hauptsitz in Hannover wurden Home Office Lösungen und wechselnde Präsenzzeiten eingerichtet. Diese Maßnahmen sollen verhindern, dass im Fall von Quarantäne oder Infektion von Mitarbeiter*innen ganze Regionen und Fachbereiche ihren Betrieb einstellen müssen.

„Unsere Netzwerkstruktur ermöglicht ein gewisses Maß an Resilienz in der derzeitigen Situation. Dennoch hoffen wir, dass sich alsbald ein gewisses Maß an Stabilität und „Alltag“ in der Krise einstellen wird“, so Martin Börgel, Geschäftsführer der DGFG.

(Quelle: Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation gGmbH)